Holzschnitt eines bewaldeten Hügels mit einer Ruine auf der Kuppe, darüber seht "Heiligenberg". Im Vordergrund ein qudratisches Loch, das in die Tiefe führt. Es ist mit "Das Heydenloch" beschriftet. Die Bäume in seiner unmittelbaren Umgebung sind nur Stümpfe, die beiden etwas weiter entfernt, wirken ein wenig zerzaust.

Das Heidenloch – eine Gruselgeschichte

Wir leben in einer Hoch-Zeit der Podcasts.

Irgendwie kein Wunder, denn vielen von uns fällt es mittlerweile schwer, Stille zu ertragen. Da nehme ich mich nicht aus: Ich liebe es, beim Kochen, Putzen, im öffentlichen Verkehr oder vor dem Schlafen einen Knopf im Ohr zu haben und Geschichten zu lauschen.

Auch wenn Non-Fiction bei Hörmedien und Büchern oft mehr Publikum finden als Erzählungen, sind jene meine Droge der Wahl: Bei Büchern sind es Romane und Kurzgeschichten, beim Hören die Hörspiele und Hörbücher.

Eine meiner liebsten Quellen dafür ist ARD-Sounds, bis vor Kurzem noch Audiothek genannt. Da gibt es fast täglich neue Thriller, Krimis und andere Geschichten. Einige davon sind echte Perlen, bei anderen frage ich mich allerdings, wie sie es überhaupt geschafft haben, produziert zu werden.

Eine davon habe ich gerade gehört: Das “Heidenloch” vom SWR, eine Mundart-lastige “satirische” Gruselgeschichte. Es spinnt einen Mythos um einen realen, sehr alten Schacht, ein Loch, der auf einem Berg in der Nähe Heidelbergs erstaunliche 50 Meter in die Tiefe führt. Naturgemäß ranken sich allerlei Legenden um das Bauwerk, dessen Ursprung unbekannt ist.

Der Autor Martin Schemm hat es zum Verbannungsort menschenfressender Riesen aus der Odyssee gemacht, die alle 100 Jahre an die Oberfläche kommen, um ihren Blutdurst zu stillen. Das ist gewiss ein großartiger Hintergrund für eine Schauergeschichte, oder eine gruselige Ballade, doch ach, der Autor des Hörspiels weiß daraus keine spannende Geschichte zu spinnen: Es fließt Blut und Menschen sterben, doch die Geschichte hastet dahin, wo Ungewissheit und Furcht langsam Grauen entstehen lassen könnten und verliert bei “urigem” Geplänkel in kurpfälzischer Mundart wünschenswertes Tempo.

Das eigentliche Problem ist allerdings, dass der Protagonist der Geschichte keine andere Aufgabe hat, als uns, den Zuhörenden, den Mythos und die Geschehnisse der Vergangenheit vorzutragen. Als Person ist er uns herzlich egal. Sein Charakter ist so blass, dass wir ihn weder lieben noch hassen können. Sein Handeln oder Nicht-Handeln bleibt folgenlos.

Er hat keine moralische Entscheidung zu treffen, hat keine inneren Dämonen, die ihn scheitern lassen. Dies ist auch keine griechische Tragödie, in der ein Konflikt zur unausweichlichen Katastrophe führt. Hier heißt es einfach: Shit happens.

Auch das Opfer gerät mehr oder weniger zufällig in die Klemme. Wieso eine Frau so glühende Leidenschaft für einen derart farblosen Hauptdarsteller empfinden kann, wie sie hier angedeutet wird, ist tatsächlich mit das größte Mysterium der Geschichte.

Vielleicht ist der zugrundeliegende Roman tatsächlich sehr gut (ich habe ihn noch nicht gelesen, aber meine Neugierde ist geweckt), beim Hörspiel scheint mir mehr die freudige Präsentation von Lokalkolorit im Vordergrund gestanden zu haben, als tatsächlich eine Geschichte zu erzählen.

Technisch ist es allerdings sehr gut und mit viel Sorgfalt produziert.

Wer Freude an Mythologie hat und sich für die Region interessiert hat hier gewiss ganz seinen Spaß bei, nur Gruseln oder menschlich Berührendes findet man hier nicht.

Ich hatte mich sehr auf die Geschichte gefreut, denn ich mag Unheimliches und Geheimnisse, war aber letztlich recht enttäuscht.

In Martin Schemms Roman werde ich trotzdem mal reinschauen.

Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass in einer längeren Form mehr von dem drinsteckt, was mir tatsächlich gefällt.

Foto eines gemauerten Schachts, der in eine scheinbar bodenlose Tiefe führt.
Heidenloch Heidelberg – Foto: Tourenwelt/Odysseus

Das Hörspiel findet ihr hier bei ARD Sounds.

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