Ausgerichtet von Mike G. Hyrm
Stachelgarten
Die neue Gleitsichtbrille war eine einzige Katastrophe, nicht einer seiner Flugblätter hatte er richtig festgetackert und bei dem Wind waren sie alle weggeflogen. Vielleicht sollte er seine alte Brille wieder herauskramen, dann würde er zwar aussehen wie ein alter Esel mit Scheuklappen, aber zumindest könnte er seine Flugblätter wieder richtig antackern.
Johnny Than
Sie erinnerte sich an Zeiten ihrer nun fernen Jugend, als das Holz kaum zu sehen war, aufgrund der vielen, bunten Zettel mit Worten wie “Freiheit”, “Menschlichkeit” und “Revolution”.
Die Versuche kamen zu spät und waren gescheitert. Sie selbst hatte sich damals verkrochen, unfähig, die Zuversicht zu empfinden, die Bedingung für den hoffnungslosen Kampf gewesen wäre.
Jetzt war es zu spät. Sie schaltete die Gedanken ab, bevor … .
Stille im Kopf.
Mira
Ein neuer Morgen. Würde es heute sichtbar werden, das lang ersehnte Zeichen, dass es losginge zur Revolution, zum Umsturz, zum Neuen Weg, zur Freien Welt?
Sie warf den üblichen unauffälligen Seitenblick und sah es, den einen frischen, silbernen Glanz, der gestern noch nicht in jenem Muster gewesen war, das sie täglich sorgsam auf ihre innere Netzhaut klebte.
Sie blickte zum Himmel, voll und ganz, in Erwartung. Eine Krähe krächzte als lachte sie sie aus.
Klaus
Spuren
hinterlassen
bedeutet bedeuten.
Bedeuten bedeutet
Sinn sehen und
deuten und wirken:
von einem Ich ins
andre Ich, ins Ich
als Du. Wirken bewirkt Wirksamkeit:
wichtig! Wichtiger: nicht jeder Wicht
hat auch gleich Gewicht! Bilder hinterlassen
Spuren mit Bedeutung und bedeuten im
Ich und im Du unterschiedliche
Dinge. Gut so: So soll
es bleiben – genau wie
die erinnerten Dinge bleiben,
auch wenn die
Bilder verschwunden und
nur noch
Klammern übrig
sind
Cord Gudegast
Hinter einer von dem alten Supercomputer verdeckten Tür fand Charly einen scheinbar seit langem verlassenen Raum. Offenbar hatte hier jemand hastig Papiere von den Wänden gerissen. Sie machte Fotos und zog sich Latexhandschuhe an, um möglichst viele Spuren zu sichern. Wieder zurück im Hauptquartier würde das Puzzeln beginnen. Sie ließ den Rest einer Postkarte in einem Beweismittel-Tütchen verschwinden. „27.12.1925 Geliebte Yvo …“ Der Rest fehlte.
Early Twix 🏳️🌈
Sie hatten sich wie die Rebellen gefühlt; zurück zu echter Kommunikation, sie hatten einen Ort schaffen wollen an dem man sich traf.
Heute war sie dran, der Müllberg der jetzt vor ihr lag bestand zu 90% aus Werbung die Lohnabhängige nachts an die Timeline tackerten… das schlimmste kam noch, die Klammern entfernen. Außer ihr war niemand da außer denen die hinter der Ecke warteten bis wieder Platz war für neue Flyer.
Wawuschel, toxic JägerJägerin
Nicole saß über der Collage an Papier
Und fragte sich, welche Lebensgeschichten
Die Schnipsel wohl erzählen.
Da fiel Ihr ein: “Ich hab doch alles hier!”
– Warum muss Wawuschel immer dichten? –
Nicole wusste: “Man darf nicht stehlen.”
Aber die Aushänge sind eine bunte Zier
Menschen wollen verlorenes richten
Wenn verschollene Haustiere fehlen
Spannend findet Nicole jedes Tier
Zählt ihr abhängen nicht zu Taten von Bösewichten
Sondern sich zu faszinierten Seelen.
Deathcat2508
Zufrieden schaute sie auf die nun leere Bretterwand. Nur unzählige Nägel und ein paar Papierfetzen zeugten davon, dass hier noch vor einigen Tage etliche Wunschzettel von Kindern hingen. Sie hatte sich sorgenvoll gefragt, ob die Wünsche der Kinder noch rechtzweitig erfüllt würden. Aber jetzt war die Wand leer und die Augen der Kinder leuchteten.
Devin McColey
Ich machte die Abschiedstour von Guns’n’Roses publik.
Habe Werbung für Wahlen presentiert.
Die Öffnungszeiten von Märkten gezeigt.
Einzelne meiner Bretter wurden erneuert.
Wegweiser für Trödelmärkte wurde an mir angebracht und wieder überklebt.
Bei jedem Wetter war ich draußen, jeden Tag.
Ich habe die Schicksale, große sowie kleine, der Welt verkündet.
Mike G. Hyrm
Mathilde, rüstig, voller gemütlicher Falten, strotze vor schier unendlicher Anekdoten. Die sie immer wieder, beherzt neubestückt, beeindruckend lebendig, spannend, so voller liebreizender Wortmagie an alle Kinder, Enkel, Urengel weitergab. Heute erzählte sie die gruseligste von Allen, welche selbst sie immer mit Gänsehaut überfiel. Die, in der gigantische Stahldolche die Heimstat der Randbewohner zerstörten. Mathilde blickte zurück, als sie ein junges Holzwürmli war …
Serenityfreaksout🧩
Wer hat dir das nur angetan, deinen Körper mit unzähligen Metallklammern gemartert, entstellt? Schutzlos der Witterung ausgesetzt bist du fleckig geworden. Für welche Nachrichten wohl? Sicher waren auch wichtige Botschaften dabei, du sollst nicht umsonst gelitten haben.
Ich mach dich wieder hübsch! Klammern raus, abschleifen, ölen – du wirst ein super Büchertisch.“
Zufrieden zahlte sie die verlangte Summe und nahm die ausgediente Holztafel mit.
Mina
Kim Üksel: Verschalung am Herrmann
Metall in Pressspan, 2025
Üksels Kunst ist roh, hart und direkt, wie das Leben auf und unter den Straßen ihrer Neuköllner Heimat. Die raue Textur des Materials ist hier nicht Metapher, sondern stammt direkt aus dem Bauch der Stadt.
Sie zeugt vom Kampf der repressiven Mehrheitsgesellschaft gegen die stummen, papiernen Schreie ihrer Ausgestoßenen, von denen jeder einzelne eine Narbe hinterlässt.
Mindestgebot 280.000€
Edith Mair 💙💛
Konzerte, Heimatabende, Maturabälle … so viele frohe Stunden, die hier angekündigt werden!
Jetzt ist Fastenzeit, und die Stadtgemeinde hat alle Plakate entfernt. Nur die Suchanzeige für Tilli hing weiterhin hier. Gestern hat Vater sie abgenommen.
“Hat ohnehin keinen Sinn mehr” murmelte er.
Mutter verbarg die verschwollenen Augen hinter ihrer Sonnenbrille und die verwundete Seele hinter ihrer Gereiztheit.
“Komm endlich!”, herrschte sie klein Peterle an und riss ihn mit sich.
Easydor
Hier hängen meine
Fremdbegegnungen
Bekanntschaften
zertanzten Beine
Lebenssegnungen
leeren Landschaften
zu zweit alleine
Wohin ich gehen kann
mein eignes Leben
nur mir gehört
und auch wann
man sich mal eben
gleichzeitig die Seele nährt
Penelope
👑
Gesucht …
gefunden …
zugelaufen …
verschwunden …
gebraucht
oder neu
hab keine Scheu.
es spielen …
es lesen …
es tanzen …
es machen …
dafür oder
dagegen …
diese Bretter
sind ein Segen
schreib es auf ein Papier
sie erfüllen es Dir.
PrinterAngel🏳️🌈
So das wäre geschafft! Die Feiertage sind vorüber und er hat wieder Ordnung geschaffen. Die ganzen Ankündigungen und Einladungen zum Adventsbasar, dem Treffen an erleuchteten Fenstern mit Blasmusik, Nikolausfeier, Adventsliedersingen für Senioren, Kinderkrippenfeier, Orchestermesse und Weihnachtsoratoium sind nun überflüssig.
Er hat sie alle abgerissen. Nun ist Platz für Neues, und sogar die Notiz “Bitte keine Plakate verdecken!” ist wieder zu lesen.
Andreas Kilgus
Renate sah erschrocken auf die nach einem Tag verbliebenen Reste. Dank der Warnung der neuen Nachbarn hatte sie das Plakat fürs Silvestersingen mit ein paar zusätzlichen Klammern befestigt und eine Holzwand genutzt, die noch nicht von Klammern anderer Plakate zermürbt worden war. Ihres war das erste … gewesen.
Das, was die Einheimischen hier an der Nordseeküste verharmlosend „Wind” nannten, hatte wirklich nichts mit dem zu tun, was sie aus ihrer Heimat am Neckar kannte.
mandrake
“Nein?” “Nein.” sie rupft ärgerlich die letzten Schnipsel von der Tafel. “Die Anzeige hängt doch erst seit gestern. Da kann man doch eine Ausnahme machen!” “Die Regeln sind klar, am ersten des Monats nehmen wir alles ab, und neue Anzeigen müssen mit dem aktuellen Monat versehen werden. Sehen Sie? So!” Sie tackert eine neue Version einer gerade abgehängten Anzeige an das Brett. “Damit ich weiß, dass sie noch aktuell sind. Das ist meine kleine Aufgabe hier im Haus, mich darum zu kümmern.” Sie lächelt, wie der Tacker den sie hält.
Xela
“Nein?” “Nein.” sie rupft ärgerlich die letzten Schnipsel von der Tafel. “Die Anzeige hängt doch erst seit gestern. Da kann man doch eine Ausnahme machen!” “Die Regeln sind klar, am ersten des Monats nehmen wir alles ab, und neue Anzeigen müssen mit dem aktuellen Monat versehen werden. Sehen Sie? So!” Sie tackert eine neue Version einer gerade abgehängten Anzeige an das Brett. “Damit ich weiß, dass sie noch aktuell sind. Das ist meine kleine Aufgabe hier im Haus, mich darum zu kümmern.” Sie lächelt, wie der Tacker den sie hält.
Stenzz
Klammern. Klammern kamen leise. Erst in Rechnungsbüchern, später in Köpfen. Sie sagen: warte kurz, das gehört zusammen. In Beziehungen sagt das keiner. Man rechnet weiter, ohne Halt. Mathematik verzeiht das nicht. Gesellschaft vielleicht. Bis alles auseinanderfällt. Dann sucht man Sinn, meint Freiheit, und vergisst: Ohne Klammern bleibt nur Lärm. Ein Klammerchor singt. Eine Echo-Klammer. Früher aus Metall, heute @ als digitaler Affe. Not my Circus …

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