Ausgerichtet von Stenzz
Sylvia Borin
👑
Großmutter taucht
ihre Hände in Erinnerungen, gelebte Leben.
Die Töchter lehnen sich vor,
sind auch Teil werdender, in schwarz-weiß-Bildern festgehaltener, Familiengeschichte.
Die Jüngste schaut,
ahnt noch nicht,
dass sie eines Tages die Großmutter sein wird, die diese Seiten umblättern wird.
Zeit, die sich zusammen faltet.
Drei Generationen Frauen.
Gestern, heute und morgen.
Edith Mair 💙💛
“Und hier unser Hochzeitsfoto.”
“Du warst eine hübsche Braut!”
“Danke, Liebes! Die erste Zeit war wunderschön. Rasch zwei Kinder – wir waren glücklich!”
“Bis zum Krieg, gell?”
“Herbst 1914. Ich war mit dir schwanger, Hedrun, als Vater einrücken musste. Drei Tage hat er ausgehalten.” Großmutters Stimme versickert.
“Er hat bestimmt die ganze Zeit an uns gedacht”, vermutet Elsa.
Großmutter nickt.
“Ich hätte Opa gern kennengelernt”, wirft Hilde ein und umarmt sie.
Katja
Ein Zimmer, fünf Frauen und Fotos in Schwarzweiß. Niemand hat den Farbfilm vergessen, denn Erinnerungen sind bunt: ob schmerzhaft rot oder tröstlich orange, klar blau oder verschwommen violett, lebendig gelb oder verblasst grau, hell weiß oder dunkel schwarz.
Was war? Was hätte sein können? Woher kommen wir? Wer waren wir? Und wer sind wir heute?
Ein Foto voller Erinnerungsfarben – von fünf Frauen in einem Zimmer in Schwarzweiß.
Tanja Wawuschel
Ein mörderisches Rätsel
Als Kommissar Marik das Foto des Cold Case betrachtete, hatte er einen Verdacht, wie die die Damen der Familie zu Tode gekommen waren.
Alle waren sie am selben Datum gestorben.
Bei allen wurde keine Todesursache gefunden – sie waren schlichtweg tot.
Kommst Du drauf, was Kommissar Marik dachte – aber nie würde beweisen können?
Lösung
etetöt ehcaR sua eilimaF erhi eid, exeH enie raw nebo sthcer kcilB nerri med tim emaD eid – arvadeK adavA
Xela
Ja, das war er, mein Egon. Ging samstags immer ins Bordell. Bis ich das abgestellt habe.
Ah Berta, hier ist dein Franz. Gesoffen hat der wie ein Loch. Tja, bis zu seinem “Unfall” damals.
Ach Gertrud, da ist ja dein Karl. Der brutale Hund, der. Gut, dass wir uns darum gekümmert haben.
Jö, Hildes Hochzeitsfoto – so verliebt war sie da. Später hat sie dann herausgefunden, dass er fremdgeht. Naja, ist ihm nicht gut bekommen.
Was kichert ihr denn so da hinten?
fin 🦣
Das Foto entstand für einen Magazinbericht über die gefeierte Volksdichterin. Drei Tage später flüchtete sie mit ihren Kindern aus Nazideutschland. Die Reichsschrifttumskammer sorgte dafür, dass ihr Werk bald in Vergessenheit geraten sollte.
In San Francisco eröffnete sie mit einem Jugendfreund: “Torte und Bagels”. Ihr Käsekuchen sicherte der Familie ein Auskommen.
Ihrer Schriftstellerei weinte sie keine Träne nach, sie schrieb nie wieder eine Zeile.
Klaus
Fünf Frauen schauen amüsiert,
verträumt und ernst und eine frech
auf Fotos, vor sich hin und wech
und in die Linse: ungeniert!
Generationen? Zwei bis drei!
Tischtuch, Vorhang? Sind kariert
und auch gestreift. Was sonst noch ziert,
sind Blusenknöpfe: zwei plus zwei
und noch ein halber. Sonst noch was?
Nein: mehr seh ich wirklich nicht,
und darum endet dies Gedicht
jetzt, und darauf ist Verlass!
Stachelvieh
moment
dieses bild. sie standen starr
sahn es sich schweigend an
still wars, als es sichtbar wurde
jede kannte diesen mann
sie schauten drauf wie erstarrt
erschrocken, ernst oder lachten
das war, was die erinnerungen
aus ihren erlebnissen machten
dieses bild. und überhaupt –
warum es das noch gab?
vom mann waren sie erlöst
lag doch längst in seinem grab
doch dieses bild holte stets
die schrecken wieder herbei
drum würden sies nun verbrennen
dann wär der spuk vorbei
Devin McColey
Vielen war die camera obscura unheimlich. Manche nannten das Gerät abfällig Seelenfänger.
So ein Unsinn, hatte der Fotograf immer geantwortet.
Doch immer wenn Oma Erna durch das Album blätterte, hatte sie so ein Gefühl.
Als würde Hilde neben ihr ein Nickerchen machen und Elfriede neugierig auf ihre Finger starren. Emma und Luise hinter ihr, die eine gelangweilt, die andere diabolisch den Raum inspizierend.
Wie lange waren sie jetzt schon nicht mehr unter uns?
Mythusalem
Dialog während das Foto geschossen wird:
“Und der Fesche hier, mit der Uniform, das ist mein Hans.”
“Mei, fesch is der scho. Was sind das denn für Abzeichen?”
“Na, der ist freilich bei der NSDAP. Die unterstützen die Bauern und Handwerker.”
“So ein guter Junge. Und anständig ist der auch noch.”
Aufkleber hinter dem Foto (ca. 1974 mit Tesafilm befestigt)
Helga, Ingrid, Gisela, Inge (43, Bergen-Belsen), Ursula (44, Flossenbürg)
Johnny Than
Karl schaute das Foto an. Seine Gertrud stand hinten rechts, die mit dem irren Blick. Bald würde er bei ihr sein. Nur noch das Bild in die Zeitmaschine stecken.
~~
Gertrud lachte. Dieser KI-Karl glaubte tatsächlich, er würde gleich in eine Zeitmaschine steigen. Sie freute sich schon darauf, ihn (bzw. den aus seiner Hirnstruktur erstellten KI-Avatar) weiter zu quälen. Er hatte ihre Hexenkräfte mit seiner Brutalität erweckt. Das würde er nun lange bereuen.
~~
Stachelgarten
Drei stumm und taub und blind;
und ein leicht verträumtes Kind;
Augen mit scharfem Blick;
Böses sitzt ihr im Genick;
hoch droben bläst der kalte Wind.
Penelope
Wir waren immer starke Frauen in unserer Familie. Über Generationen hinweg haben wir die Geschicke unserer Lieben gelenkt.
Auf dem Bild kannst Du sehen, warum diese Ära zu Ende ging.
Rechts die umtriebige Karla, die trotz ihres Eherings jeden Mann mit einem kecken Augenaufschlag anhimmelte. Ekelhaft.
Und links die verträumte Selene. Das Herz am rechten Fleck, aber den Kopf immer in den Wolken.
Damals wie heute sind sie unsere Jüngsten.
daftwullie
Der Abend dehnt sich für mich wieder in unsagbare Länge. Bei unseren Zusammenkünften wird das Fotoalbum immer feierlich langsam umgeblättert. Erneut versinkt meine sonst so übermütig laute Großmutter in leiser werdender Traurigkeit. Mutter zerrt mit bekannten Bruchstücken alter Geschichten an ihr, während Tantchen still daneben sitzt. Meine liebe Cousine hat nur Augen für den Ihren, die Kamera seine wahre Geliebte. Es ist unsere fein eingehegte Tradition.
fraujessica
Wird sie auch so werden wie ihre Mutter, Tanten und Oma? In Trauer in Erinnerungen schwelgen? Gut versorgt sicherlich, abbezahltes Haus, vielleicht noch ein florierendes kleines Geschäft und ein dickes Bankkonto?
Sie liebte Toni! Weil er so süß war und sie verstand. Nie würde sie ihm das antun! Nein, sie würde nie der Familientradition der Giftmörderinnen folgen!
Serenityfreaksout🧩
Wehmütig blickte Anna auf die ihr vorbestimmte Zukunft. Seit jeher wurde der Fanzetti-Clan von Frauen geführt. Jetzt war sie an der Reihe, denn ihre durchgeknallte Schwester war zu unberechenbar. Sie war nicht in der Lage, einen kühlen Kopf zu bewahren. Flirtete sie etwa schon wieder mit dem Fotografen?
Während Nonna und ihre Tanten Bilder alter Einführungszeremonien durchstöberten, ließ Anna ihre nun verloren geglaubten Träume noch einmal an sich vorüberziehen.
Deathcat2508
“Kommt Schwestern, hier habe ich das Grimoire unserers Zirkels. Auch eure Fotos werden es bald zieren.”
Sie versammelten sich um ihre Schwester und schauten auf die alten Fotos. Sie sollten die Zukunft des Zirkels sein, ein ständiger Kreislauf des Lebens. Die Jungen würden die Alten werden und dann wieder den Jungen Platz machen. Aber die alten Rituale waren beständig und ewig wie die Zeit selbst.
o/1MS\o ⌨️🐧 | #WeAreNatenom
Andere Zeiten: Fotografien waren etwas besonderes.
Filme waren teuer, mussten für viel Geld zum Entwickeln und für Abzüge im Laden abgegeben werden.
Bei einem Motiv musste vor dem Fotografieren entschieden werden, ob es das wert war. Auch war es nicht immer sicher, dass ein Foto auch gelungen war.
Und heute?
Eine Inflation von digitalen, häufig nie wirklich betrachteten Bildern, billig erstellt mit Smartphones.
Ganz nach dem Motto: pics or it didn’t happen.
Mina
“Unsere Farm in Afrika. So schön war’s da.”
seufzte Oma Hilde.
Die Töchter erinnerten sich noch gut, wie sie vor 30 Jahren ohne alles ins Hessische gekommen waren.
Die kleine Anna konnte die Geschichten nicht mehr hören, nur Karla dachte sich ihren Teil:
»Wartet bis ihr meinen Jim kennenlernt. In Deutsch-Südwest hättet ihr ihn “Boy” genannt, aber in Alabama hat er sogar ein Auto.
Im Mai geht unser Dampfer nach Neu-York mit mir als Frau Miller an Bord.«

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